Kopf hoch, Gedanken himmelwärts Wenn scheinbar nichts mehr geht,
wenn du dich leer und verbraucht fühlst,
abgekämpft und müde.
dann will ER dich aufrichten,
aus dem Schlamm zu den Sternen.

Mit Verheißungen leben

 

„Die Verheißungen Gottes stehen deutlicher über uns als die Sterne“ stand auf der Postkarte, die mir vor vielen Jahren mein damaliger Seelsorger Heimfried Klingbeil schenkte. Ich habe diesen Spruch bis heute nicht vergessen. Verheißungen sind bedeutende „Einflugschneisen“ für Gottes Wirken. Sie haben mir geholfen, über mich selbst hinaus zu wachsen.

 

Abram oder Abraham, wie er später genannt wurde, war in alter Zeit ein Sippenoberhaupt ohne eigenen Nachkommen. Das wollte Gott ändern. Und Abram sollte ihm vertrauen. Allerdings zog es sich hin. Abram wurde langsam ungeduldig, ja, mehr noch: frustriert. Als Gott ihn ansprach, machte er seinem Leiden Luft. Er ließ seinem Herzen freien Lauf. So etwa könnte er seine Lage beschrieben haben: „Ich habe Daseinsangst, ich fühle mich in meiner Existenz bedroht. Ich denke, alles ist vergeblich. Meine Sippe wird nicht weiterleben.“

Gott hielt dagegen: „Ich bin dein Schild. Ich beschütze Dich. Ich bin dein sehr großer Lohn. Wenn Du eine Beziehung zu mir hast, gehst du nicht leer aus. Wo ich bin, da ist Reichtum. Ich belebe deine Erwartung neu. Ich versichere dir, dass aus dem, was du bist und wofür du lebst, etwas Bleibendes erwachsen wird. Du bekommst ein eigenes Kind, einen Sohn. Später wird er das fortführen, was du begonnen hast. Deine Sippe wird weiterleben.“ (Vgl. 1. Mose 15, 1 und 5)

Abram sollte sich diese Ermutigung Gottes zu eigen machen. Und Gott gab dem Abraham sogar eine Erinnerungshilfe für die neuen Gedanken, die er ihm geschenkt hatte: Die Sterne. So unzählbar wie die Sterne über ihm, sollten seine Nachkommen werden. „Sieh nach oben, Abram. Sieh weg von Dir selbst.“ Dieser Impuls sollte Abrams Kopf automatisch nach oben ziehen und Abram befreien ihn aus seiner depressiven Körperhaltung. Dahinter erkennen wir heute ein Prinzip aus der Psychologie: Die Psyche folgt dem Körper. Schaut der Körper nach oben, macht es die Seele allmählich auch.

Eine Verheißung ist ein Wort, das mir hilft, meinen Kopf aus der Versunkenheit in die Gegenwart zu strecken und über den Augenblick hinaus zu sehen. Sie gibt mir auch die Kraft, die Spannung zwischen meiner gefühlten Lage und einer versprochenen Wirklichkeit durchzuhalten, weil der allmächtige Gott hinter der Verheißung steht. („Sei stille dem Herrn und warte auf ihn“, Psalm 37,7a) Das Aushalten dieser Spannung zwischen dem, was bereits begonnen hat, aber noch nicht vollständig erfahrbar ist, gehört wesentlich zur christlichen Spiritualität.

Man kann es auch ganz einfach erklären. Mit Verheißungen zu leben, die auf die Zukunft bezogen sind, ist wie Eisenbahnfahren. Ein Zug, der zur Weiterfahrt in den Bahnsteig einfährt, ist wie ein Versprechen, uns an ein Ziel zu bringen. Einer Verheißung zu glauben ist etwa so, wie in einen Zug einzusteigen und drin sitzen zu bleiben, bis man angekommen ist. Das kann dauern. Eine Verheißung hilft uns, den Zustand zwischen Ausgangspunkt und Ziel auszuhalten. Ich vertraue darauf, dass ich am Ende gut ankomme. Hier ist ein Beispiel:
1. „Befiel dem Herrn deine Wege“ (Psalm 37,5). Der Ausgangspunkt sind meine ungelösten Probleme. Ich vertraue sie Gott an und übertrage ihm die Verantwortung. Ich steige in den Zug der Verheißung.
2. „und hoffe auf ihn“ Ich halte aus, dass noch keine Lösung in Sicht ist. Ich warte darauf, dass Gott etwas für mich tut. Ich bleibe im Zug sitzen.
3. „er wird’s wohl machen“ Ich mache mir bewusst, dass die Situation, die sich am Ende des Wartens ergeben wird, für mich gut sein wird.

Leben mit Verheißungen bedeutet nicht, dass alles glatt läuft. Man kommt immer wieder in Schwierigkeiten. Manchmal führt Gott einen sogar direkt hinein. Man denke nur an die spätere Versuchung Abrahams, als Gott ihn auf die Probe stellte. Und eines Tages verlor Abraham sogar seine engste Vertraute, seine Gefährtin Sarah durch den Tod. Aber in einem begrenzten, konkreten Rahmen erlebte Abraham tatsächlich ein Wunder. Er bekam als alter Mann einen Sohn. Das andere Versprechen Gottes, dass Abraham das Land, in das er gezogen war, besitzen würde, erfüllte sich allerdings nur sehr bruchstückhaft zu seiner Lebenszeit – mit dem Erwerb eines Ackers und eines Erbbegräbnisplatzes (1. Mose 23). Erst viele Generationen später fiel das Land in die Hände und Füße seiner Nachkommen, so erzählt es die Bibel. Das war aber für die, die diese Geschichte überliefert haben, in Ordnung. Abram hatte sich auf den richtigen Weg gemacht, darauf kam es an.

Pastor Andreas Erben