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Günther Hahnebach erinnert sich

Ich bin in der Neustadt groß geworden. Häuser im Provinzbarock, die nach dem großen Stadtbrand von 1780 wieder errichtet wurden, schufen dort eine schöne Atmosphäre. Gegenüber von uns wohnte eine Tischlerfamilie. Frau Pilling-Weigl, die alte Dame des Hauses, war aus der Schweiz. Ihr Doppelname prangte an der Wohnungstür, vor der ich manchmal mit meiner Mutter stand, um uns für die Wäschemangel anzumelden. Die Verbindung zwischen Handwerksbetrieb und Mangel war früher so üblich. In unserer Straße war das die einzige Wäschemangel. Begegnungen mit dem Tischlerhandwerk und den Gepflogenheiten einer alten Tischlerei ergaben sich für mich ganz natürlich, weil die Mangel und die Tischlerei auf demselben Hof waren. Der Hof war groß und sonnig. Frischer Holzgeruch lag in der Luft. Wenn man geradeaus weiterging, kam man direkt zur Werkstatt. Man konnte auch durch die Fenster in die Tischlerei sehen. Die Tür war offen im Sommer – es war ja warm durch die Maschinen.

Wenn Mutti ihre Wäsche mangelte, musste ich immer den Motor abstellen, weil es keine automatische Mangel war. Da musste man immer mitzählen, also achtmal hin und her. Mutter sagte: „Dann kannst mal gucken und da musste aufpassen und dann zähl’ste und dann darf’ste wieder anhalten.“ „Da kommt der Kleene wieder, der Neugierige“, hieß es in der Werkstatt, „will wieder mal gucken, was die Maschine macht.“ Das war dann eben so selbstverständlich, mit der Zeit lernten sie mich kennen – jedoch ohne dass sich weitere Beziehungen ergaben. „Ach, jetzt ist er wieder mal da – wieder mal Wäsche!“ Und je nach Laune, Auftragslage oder Betrieb, wurde ich eingeladen reinzukommen. „Na komm ruhig rein, bis hier her kannste gehen, da liegt nichts rum“, sagte man zu mir. Ich erlebte den Spaß an der Verwandlung des Holzes – wie zum Beispiel ein rechteckiges Stück reingeschoben wurde und daraus eine wundeschöne Kehle wurde. Das hat mich schon als kleiner ABC-Schütze interessiert.

Es gab noch andere interessante Gewerke in der Straße. Zwei Häuser weiter war eine kleine Buchdruckerei, wo ich auch manchmal durch die offenen Türen zuschaute. Die hatten so ein schönes Papiermesser mit einem Schwungrad – das war schon ein bisschen gruslig. Dann kam ein riesengroßer Eisenhändler, der in einem wunderschönen Barockhaus saß mit einem gewaltigen Hof. Die Dame des Hauses hatte in einer Kunstgewerbeschule studiert. In einem besonderen Treppenaufgang zu ihrer Wohnung hingen ihre Werke und alte Stahlstiche aus der Umgebung. Wenn man diese Bilder mit einem gewissen Kennerblick anschaute, wurde man schnell ein anerkannter Gesprächspartner. Von ihr – Susanne Engelmann – kann man auch noch da und dort in Gera keramische Mosaikbilder finden. Einen kleinen Tante-Emma-Laden gab es auch, wie er im Buche steht, mit Schubkästen und der wunderbaren Kunst eine Spitztüte zu falten. Man hat nie geschafft, das nachmachen. Zwischendrin gab es noch einen Bäcker und an der unteren Ecke einen Fleischer. Der Bäcker war immerhin so hochgestochen, dass die ganzen Dienstmädchen aus der vornehmsten Ecke Geras kamen, aus Untermhaus, wo die wunderschönen Villen stehen. Es gab einen Schlosser, der auch schmiedete. Bei uns im Haus war dann der Hauswirt, der hatte in Nebengebäuden eine Altwarenhandlung, quasi ein Lumpensammler höherer Art. Bei Auflösungen von gewaltigen Haushalten auf der Fabrikantenebene sah man unerhörte Dinge, die damals quasi auf den Schutt flogen. Unser Hauswirt, der für solche Dinge ein ganz genaues Auge hatte, hat sich eine Sammlung von alten physikalischen Geräten angelegt, Elektrisiermaschinen, Theodoliten und Fernrohre und sonst was. Wir hingen dann immer am Fenster und sagten, guck jetzt kommt wieder so ein toller Wagen. Manchmal haben wir uns was geholt - was ganz kleines, dass es nicht auffiel. Eine alte Straße mit ihren Besonderheiten - in jedem zweiten Haus war irgendetwas Interessantes.

Die Tischlerfamilie im Haus gegenüber gehörte zur Adventgemeinde. Sie waren die ersten Adventisten, die ich in meinem Leben kennen lernte. Als Besonderheit war in der Nachbarschaft bekannt, dass für diese Leute der Sonnabend der Sonntag war – und sonntags war der Tischler in der Werkstatt zu finden. Das durften sie, das war gestattet. Ich erinnere mich noch gern an den alten Meister Pilling, der mir eines Tages das Holzlager zeigte. Dort lag noch Erbholz von seinem Vorgänger, auf dem genau vermerkt war, woher es stammte. Die Familie war sehr freundlich und sehr mitteilsam. Der Schwiegersohn des Meisters hieß Mönch. Die Mädchen aus dieser Familie gehörten zum Kindergewusel auf der Neustadt.

Eine andere adventistische Familie aus meinem Bekanntenkreis heißt Vogel. Der Mann war im Opernchor in Gera. Seine Frau ist Bildhauerin. Ich habe sie kennen gelernt, bevor sie Frau Vogel wurde. Ich bin ihr zufällig in der Volkshochschule begegnet, als ich einige Kurse Vorgeschichte besuchte. Das war in der Zeit, als ich auf dem Bau lernte, etwa 1948-49. Damals haben wir uns unterhalten. Ich entdeckte gemeinsame Interessen, aber es ergab sich nichts weiter daraus. Im Stillen himmelte ich sie an – das schöne Fräulein Kopp.

Dann kam ein Einschnitt in meinem Leben. Ich bekam Arbeit beim Bau bei der Wismut im Erzgebirge und verließ Gera. Das waren zwei Jahre voller Höhen und Tiefen. Ich kam dann zurück nach Gera, aber es war nicht einfach, hier wieder Arbeit zu bekommen. Damals wurde für alle möglichen Marschiereinrichtungen geworben – noch bevor die Volksarmee geschaffen wurde. Mir gelang es, das elegant zu umsegeln.

Im Frühjahr 1953 landete ich bei der Firma Alfred Bärwolf, die damals ein kleiner Baubetrieb mit 10-12 Mitarbeitern war. Zu dieser Firma gab es familiäre Verbindungen. Ich hatte erst per Zeitungsannonce nach Arbeit gesucht. Dann schlug meine Familie vor, zum Bärwolf zu gehen, weil sie den kannten. Dort wäre ich gut aufgehoben, hieß es. Die Familie meines Vaters hatte nämlich ihren Wohnsitz in der oberen Stadt, hinter der Salvatorkirche, in der Hospitalstraße (heute Karl-Liebknecht Straße). In dieser Gegend hatte Herr Bärwolf seine Kindheit verlebt. Mein Vater und seine Geschwister hatten ihn als etwa Gleichaltrigen kennen gelernt – er war etwas jünger.

„Hahnebach“ war auch wirklich gleich das erste Wort, als ich mich dort vorstellte. „Hahnebach? Den Namen kenn ich doch. Ich hab mal ein schönes Mädchen kennen gelernt. Die hieß Jenny Hahnebach. Ist die mit ihnen verwandt?“ Er schwärmte immer noch für eine meiner Tanten, die wirklich einmal – wie Jugendbildnisse bezeugen – ein schönes Mädchen gewesen war. Da war es wirklich sehr einfach, dort Arbeit zu finden. Und bei dieser Firma bin ich einige Jahre geblieben.

Das erste große Werk, an dem ich eingesetzt wurde, war die Adventkirche. „Ich hab ’ne neue Baustelle. Gehen Sie mal in die Gartenstraße und da unten melden Sie sich beim Polier Söffing“, sagte Herr Bärwolf. Die Gründung der Baustelle lief gerade an. Söffing stammte irgendwo aus dem Thüringischen zwischen Saalfeld und Bad Blankenburg. Er hatte einen Sohn, der während des Krieges bei den Fliegern gedient hatte – JU 87, Sturzkampfleute, und der auch Motorradrennen gefahren hatte und später eine große Reparaturwerkstatt für Motorräder unterhielt. Söffing war ein Original. Manchmal drehte er etwas durch und bekam cholerische Ausbrüche. Er wurde sehr laut, so dass dann die ganze Straße angeschlossen war an die Differenzen, die er mit irgendjemand hatte. Mich hat’s auch mal erwischt, aber nicht auf dieser Baustelle, sondern woanders. Einmal hatte Söffing eine Auseinandersetzung über die Bauausführung mit dem Baumeister. Die Maurer standen auf dem Gerüst und sahen zu, wie halb im Spaß der Bärwolf vom Söffing von der Baustelle gejagt wurde. Beim Söffing wusste man nie genau, wann bei ihm der Spaß in Ernst umschlug, weil er so cholerisch war. Aber die Leute hatten für sein Temperament so ein Gefühl entwickelt. Man sagte sich einfach, das geht vorbei.

Söffing war stolz darauf, Bauzeichnungen lesen zu können. Das war damals so eine Macke der Poliere, sich damit wie mit einer Kunst zu schmücken. Das wurde wie so ein Baugeheimnis behandelt. Wenn wir eine neue Baustelle hatten, dann zog sich der Polier zurück und machte die anderen vielsagend darauf aufmerksam: „Ich hab jetzt die Zeichnung gekriegt“. Die anderen Bauleute haben immer gelacht: „Jetzt schließt er sich ein und breitet die Zeichnung aus.“

Halb Sieben bzw. um Sieben war der normale Arbeitsbeginn im Sommer. Im Winter wurde es ein bisschen hinausgeschoben, weil man noch nicht mit Scheinwerfern gearbeitet hat. Eine Viertelstunde Frühstückspause gab es. Wenn irgendjemand ins Erzählen kam, dann wurde die Pause etwas länger. Mittagspause war eine halbe Stunde. Manchmal hat man sich auf Arbeit etwas zum Aufwärmen mitgenommen. Das Essen war meistens in einem Armeekochgeschirr. Um das Aufwärmen kümmerten sich die Stifte – das geschah entweder auf einem kleinen Kanonenofen in der Baubude oder auf dem Herd eines Hausbesitzers, wo Reparaturen durchgeführt wurden. Im letzteren Fall brachte dann der Stift einen Arm voll Holz mit. Wir hatten die 48 Stunden Woche. Es wurde auch Sonnabends gearbeitet – auch an der Adventkirche, denn wir waren ja keine Adventisten.

Nachdem das Kellermauerwerk der Adventkirche fertig war, kam die Decke drauf und dann wurde weiter gemauert. Und dann war der Punkt erreicht – dieser berühmte 17. Juni. Wir waren schon in der Ebene des Saales. Die Pfeiler für die Saalfenster wurden gerade gemauert. Ein Gerüst war deshalb aufgebaut worden. Es war Unruhe in der Stadt. Die Metallarbeiter von den großen Betrieben zogen durch die Stadt. Wenn Leute trotzdem arbeiten, wurden sie öffentlich kritisiert. Wir wurden auf unserer Baustelle angemosert: „Ihr Verräter! Ihr arbeitet! Wisst ihr nicht, was los ist?“ Wir antworteten: „So ein bisschen was wissen wir, aber wir können nicht streiken. Wir bauen hier ne Kirche!“ „Was, ihr baut ne Kirche? Jetzt in der Zeit baut ihr ne Kirche?“ kam es von den Arbeitern zurück. „Das ist so gut wie gestreikt! Wir sagen den anderen Bescheid, dass sie euch in Ruhe lassen. Mauert weiter! Macht’s gut!“

Am Abend kam ich dann noch in den Wirbel – aber erst nach Feierabend. Die Unruhe war ja nicht weit davon entfernt – am Hochhaus, das damals Handelshof hieß. Da bin ich mitten im Gewühl dabei gewesen und habe gesehen, wie ein Auto umgekippt wurde. Und wie Leute, die sich mit Gewehren noch auskannten, den Volkspolizisten die Gewehre abnahmen, das Schloss herausnahmen und in den Gulli schmissen. Dann war das Gewehr nicht mehr nutzbar. Und zum Schluss haben wir den Mannschaftswagen umgekippt. Das war das Schlimmste, was ich gemacht habe. Und an irgendeiner Stelle dann noch irgendwelche ungehörigen Verse mitgejubelt: „Spitzbart, Bauch und Brille ist nicht Volkes Wille! Beinahe wäre ich auf einem Fahrzeug gelandet, mit dem Leute von der Wismut umherfuhren. Ich bin aber noch rechtzeitig heruntergeklettert an irgendeiner Kreuzung. Das war mir dann doch irgendwie zu mulmig. So ein komischer Blechkipper war das, womit Erz transportiert wurde. Und das war dann auch gut – sonst wäre ich in irgend so eine Einkassierungsgeschichte reingekommen. Ich hab da nie drüber geredet.

Dort am Handelshof, so hieß das Hochhaus, wo der Rat des Bezirkes drin war, da war es schon schlimm. Da gab es noch so ein altes Eingangsgitter zur Kasse unten im Erdgeschoss, wo sich jetzt eine Drehtür befindet. Da es früher ein öffentliches Bürohaus war, waren da zwei Drehtüren parallel und ein sehr großer, breiter Eingang mit einem raffinierten alten Kettengittervorhang – ganz gewaltig gebogene Rundstähle. Daran haben die rebellierenden Arbeiter mächtig gebogen. Aber sie sind nicht durchgekommen. Das Ding war so haltbar, dass es keiner geschafft hat, ins Haus reinzukommen. Das demolierte Gitter war später noch lange zu sehen.

Der Architekt Johannes Feddersen kam aus Weimar. Ich erinnere mich an Besonderheiten bei den Materiallieferungen. Wahrscheinlich gab es Beziehungen zur Bundesrepublik. Es gab Dinge, an die man sonst nicht ohne Weiteres rangekommen wäre, vor allem im Holzbereich. Wie es zusammenhing, weiß ich nicht. Es hieß damals, es gäbe Abstimmungen mit Lieferungen. Entweder aus dem Programm hier, das aber gesperrt war für Reparation. Da gab es ja einen Fond, der ging nach Russland. Aus irgend so einem Sonderabschnitt gab es dann durch die Beziehungen zur Bundesrepublik – mit Devisen bezahlt – Material für manche besondere Bereiche. Die Ziegel kamen aus abgerissenen Häusern. Da kam dann eine Wiederbegegnung mit Frau Kopp-Vogel bei den Hilfsarbeiten auf der Baustelle. Die Gemeindeglieder tauchten reih rum dazu auf – die einen siebten Sand, die anderen putzten Steine ab, Ziegel wurden gestapelt, Schutt weggeräumt oder ein Wagen war abzuladen. Es war immer irgendetwas zu machen auf der Baustelle.

Da ergaben sich interessante Begegnungen mit den Leuten aus der Gemeinde, die mithalfen. Die interessanteste war der alte Herr Bumpa – wobei ich mir nicht sicher bin, ob das ein in der Gemeinde üblicher Spitzname war. Aber es hieß immer, der Herr Bumpa ist da. Der war einmal der Leibkutscher vom großen Hirsch gewesen. Die Familie hat ja ihre Textilwerke weiter vererbt, demnach muss es der Georg Hirsch gewesen sein – also die mittlere Generation – der Sohn des Hirsch, der die tolle Villa gebaut hat. Für Georg Hirsch war Herr Bumpa der Pferdefachmann, der in die Welt geschickt wurde, um irgendwelche tollen Gespannpferde nach Gera zu holen, die der Chef selbst ausgesucht hatte. Und da fuhr er eben mit einem Güterwagen quer durch Deutschland nach Schleswig-Holstein, um Pferde abzuholen.

Das waren Geschichten wie aus einem Roman – aus der Vorkriegszeit vor dem ersten Weltkrieg. Die Bauleute, die Maurer und die Hilfsarbeiter saßen da wie die kleinen Kinder: Jetzt erzählt der alte Herr eine schöne Geschichte aus einer Zeit, die man sich nicht vorstellen kann. Da hat auch keiner drüber gelacht. Er beschrieb, wie er mit den neuen Pferden zum Fürsten zur Audienz fuhr: „Das haben wir alles ganz genau berechnet. Ich musste um die Mittagszeit den Schlossberg hochfahren. Wir wussten ganz genau, dass der Fürst aus irgendeinem Fenster guckte und uns sieht. Wenn ich über die Brücke fahre.... Und da gab es hinten noch einen Ausblick. Ich bekam die feine Vorfahrt – über die Wolfsbrücke. Das war die erstklassige Vorfahrt. Die anderen fuhren über den Wirtschaftshof rein. Und der Fürst hat die Pferde beobachtet. Der war ein Kenner. Sind sie sehr überanstrengt, hat er sich gefragt. Es durfte kein Schaum am Zaumzeug sein.“

Die Mitarbeit Freiwilliger war damals gang und gebe. In der Öffentlichkeit gab es das Nationale Aufbauwerk. Es war nichts Außergewöhnliches, dass Leute kamen und Sand schippten und Ziegel abputzten. Zwei junge Leute, die in der theologischen Ausbildung waren, arbeiteten für längere Zeit auf der Baustelle während ihrer Semesterferien. Sie waren sehr gegensätzliche Typen – der eine war so ein richtiger „Franziskaner“, ein Asket, der andere war so ein kleiner Muskelprotz, der mit seinem Körper prahlte.

Dass die Leute so begeistert dabei waren, das hat bei den meisten Bauarbeitern Eindruck gemacht. Da kamen Leute und sagten: „Wir sind zwar nicht eingeteilt, aber wir haben ein bisschen Zeit. Habt ihr nicht irgendeine Arbeit?“ Irgendetwas fand sich immer. Man kam auch auf den Zehnten zu sprechen. Das war natürlich beeindruckend. Das ist ja wie früher, wie in der Fron – die Bauleute kamen gleich mit solchen Begriffen. Aber die Freiwilligen wehrten ab: „Das ist ja für uns alle. Wir bauen diese schöne Kirche. Wir haben jetzt endlich ein schönes Haus.“